Koreanische Pflegekräfte in Deutschland: Qualifikation, Anerkennung und strategische Bedeutung

Warum Südkorea bei der internationalen Pflege-Rekrutierung wieder auftaucht

Der deutsche Pflegearbeitsmarkt sucht international nach qualifiziertem Personal, und bei dieser Suche rückt ein Herkunftsland in den Fokus, das vielen Kliniken nicht sofort einfällt: Südkorea. Das Land hat eine Vorgeschichte als Herkunftsland für Pflegepersonal in Deutschland. Zwischen 1966 und 1977 kamen rund 10.000 bis 12.000 südkoreanische Krankenschwestern in die Bundesrepublik und prägten die Krankenhauspflege jener Jahrzehnte mit.

Beinahe sechzig Jahre später steht die deutsche Pflege vor einem Versorgungsengpass ähnlicher struktureller Dimension. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) bezifferte im Mai 2025 rund 11.000 ausgebildete ausländische Pflegekräfte, die im deutschen Anerkennungsverfahren feststecken. Parallel dazu hat sich die Lage im koreanischen Gesundheitssystem so verändert, dass das Land aus Sicht deutscher Arbeitgeber neu in den Blick gerät.

Dieser Beitrag zeigt, welche Qualifikation südkoreanische Pflegefachkräfte heute mitbringen, wo sich deutsche und koreanische Ausbildung überschneiden, wie das Anerkennungsverfahren abläuft und warum die aktuelle Lage im koreanischen Gesundheitssystem die strategische Bedeutung Südkoreas als Herkunftsregion neu begründet.

Eine historische Verbindung: koreanische Krankenschwestern in Westdeutschland 1966 bis 1977

Von der privaten Vermittlung zum bilateralen Abkommen

Begonnen hat die koreanische Pflegemigration nach Deutschland nicht mit einem Regierungsabkommen, sondern mit einer privaten Initiative. Dr. Lee Su-kil, ein koreanischer Arzt an der Universitätsklinik Mainz, begann in den 1960er Jahren Pflegekräfte aus seinem Heimatland an deutsche Krankenhäuser zu vermitteln. Sein deutscher Kollege Reinhold Rörig, Direktor der Mainzer Klinik und zugleich Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, unterstützte ihn organisatorisch. Ein erstes privates Vermittlungsabkommen zwischen Lee Su-kil und der Korea Overseas Development Corporation (KODCO) kam im Januar 1966 zustande. Ab Oktober 1966 landeten die ersten größeren Gruppen südkoreanischer Krankenschwestern in Berlin-Tempelhof und auf anderen Flughäfen der Bundesrepublik.

Am 26. Juli 1971 trat ein formales bilaterales Anwerbeabkommen in Kraft: das „Programm zur Beschäftigung qualifizierter koreanischer Krankenschwestern und Krankenpflegehelferinnen in deutschen Krankenhäusern“. Auf deutscher Seite lag die Federführung bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), auf koreanischer Seite bei der KODCO. Offiziell firmierte das Programm als Entwicklungshilfe, und nach dieser Lesart sollten die Koreanerinnen in Deutschland „ausgebildet“ werden, um ihr Wissen später in die Heimat zu tragen. Tatsächlich waren die meisten bereits vollständig qualifizierte Krankenschwestern mit einer soliden staatlichen Ausbildung nach US-amerikanischem Vorbild.

Grundpflege als kulturelle Bruchstelle

Auf deutschen Stationen trafen die koreanischen Kolleginnen auf ein Pflegeverständnis, das ihnen fremd war. Grundpflege, also Waschen, Füttern und Bettenmachen, zählte in Korea traditionell nicht zu den Aufgaben einer Krankenschwester, sondern fiel den Angehörigen am Krankenbett zu. Dieses System gilt in weiten Teilen Ostasiens bis heute. In Deutschland war die körpernahe Grundpflege dagegen zentrale pflegerische Tätigkeit, und die koreanischen Kolleginnen mussten ihr berufliches Rollenverständnis neu justieren. Ein Spannungsfeld, das in Erinnerungsberichten der Pionierinnen immer wieder anklingt.

Warum viele blieben

Obwohl die Arbeitsverträge auf drei Jahre befristet waren und die Rückkehr erwartet wurde, entschied sich ein beträchtlicher Teil der Pflegekräfte, in Deutschland zu bleiben, teils nach juristischen Auseinandersetzungen um Aufenthaltstitel und Vertragsverlängerungen. Heute zählt die koreanische Community in Deutschland rund 80.000 Menschen und bildet die zweitgrößte koreanische Diaspora in Westeuropa. Regional konzentriert sie sich auf das Rhein-Main-Gebiet, das Ruhrgebiet, Berlin und Krefeld, wo die Vereinsstrukturen der ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter bis heute aktiv sind.

Diese Generation hat ein Erbe hinterlassen, das in vielen deutschen Kliniken nachwirkt. Der Ruf fachlicher Disziplin, professioneller Sorgfalt und hoher Leistungsbereitschaft prägt bis heute die Wahrnehmung koreanischer Kolleginnen und Kollegen im deutschen Gesundheitswesen.

Die koreanische Pflegeausbildung heute

Wer in Südkorea den Pflegeberuf ergreift, durchläuft eine Ausbildung, die akademisch stärker strukturiert ist als die traditionelle deutsche Krankenpflegeausbildung. Drei Strukturelemente prägen das System.

Drei- und vierjährige Studiengänge mit klarem Trend zum Bachelor

Seit etwa zwei Jahrzehnten verschieben sich die früher dreijährigen College-Ausbildungen in Richtung vierjähriger Bachelor-of-Science-in-Nursing-Programme (BSN) an Universitäten. An Spitzeninstitutionen wie der Yonsei University College of Nursing oder der Seoul National University ist der BSN längst Standard. Der Akademisierungstrend ist eindeutig. Südkorea produziert pro Jahr rund 105 Pflegeabsolventinnen und -absolventen pro 100.000 Einwohner, mehr als viermal so viele wie der OECD-Durchschnitt von knapp 27.

Ein typisches koreanisches BSN-Curriculum umfasst etwa 130 ECTS-Credits über vier Studienjahre, davon rund 74 im pflegefachlichen Kernbereich. Zu den Pflichtfächern zählen innere Medizin und Chirurgie, Pädiatrie, Frauenheilkunde, Geriatrie, Psychiatrie, Gemeindepflege, Pharmakologie, Pathophysiologie sowie evidenzbasierte Praxis. Ergänzend kommen allgemeinbildende Fächer, ethische Grundlagen und Forschungsmethodik hinzu.

Qualitätssicherung durch KABONE

Seit 2017 regelt das Medical Law on Nurse Licenses, dass nur Absolventinnen und Absolventen akkreditierter Hochschulen zur Staatsprüfung zugelassen werden. Zuständig für die Akkreditierung ist das Korean Accreditation Board of Nursing Education (KABONE), selbst vom koreanischen Bildungsministerium zertifiziert. KABONE schreibt jedem akkreditierten Studiengang mindestens 1.000 Stunden praktischer Ausbildung in klinischen Einrichtungen vor, konkret in Universitätskrankenhäusern, Gemeindepflegezentren und spezialisierten Einrichtungen. Klinische Pflegeinstruktorinnen und hochschulseitig angebundene Praxisanleiterinnen begleiten die Praxisphasen.

Die staatliche Prüfung KNLE

Den Abschluss der Ausbildung bildet die Korean Nursing Licensing Examination (KNLE), ein staatliches Examen, das einmal jährlich im Januar vom Korea Health Personnel Licensing Examination Institute (KHPLEI) durchgeführt wird. Ohne bestandene KNLE erhält niemand eine Berufszulassung als Pflegekraft in Südkorea. Geprüft werden die klassischen Fachgebiete der klinischen Pflege. In Struktur und Anspruch ist die Prüfung mit entsprechenden Lizenzexamina in den USA (NCLEX-RN) und anderen entwickelten Pflegemärkten vergleichbar.

Koreanische Pflegekräfte verfügen damit über ein Qualifikationsprofil, das in weiten Teilen den Anforderungen der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG an die allgemeine Krankenpflege entspricht. Ein wichtiger Unterschied liegt im Selbstverständnis: Koreanische Pflege ist traditionell stärker an technischen, medizinnahen Aufgaben orientiert, etwa Medikamentengabe, Monitoring, Dokumentation und Assistenz bei diagnostischen Verfahren, während die körpernahe Grundpflege Angehörigen überlassen bleibt.

Die deutsche Pflegeausbildung nach dem PflBG

Deutschland hat sich auf der Ausbildungsseite zuletzt selbst stark verändert. Mit dem Pflegeberufegesetz (PflBG), in Kraft seit dem 1. Januar 2020, wurden die bis dahin getrennten Ausbildungen in Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zu einer generalistischen Pflegeausbildung zusammengefasst. Der neue Berufsabschluss lautet Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann.

Nach der Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (PflAPrV) umfasst die dreijährige Ausbildung insgesamt 4.600 Stunden strukturierte Ausbildungszeit, davon 2.100 Stunden theoretischen und praktischen Unterricht an der Pflegeschule sowie 2.500 Stunden praktische Ausbildung in unterschiedlichen Einrichtungen und Versorgungsbereichen. Der Abschluss ist dem Niveau 4 des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens zugeordnet und wird EU-weit automatisch anerkannt.

Seit 2020 besteht zusätzlich die Möglichkeit einer primärqualifizierenden hochschulischen Pflegeausbildung, die mit einem Bachelor abschließt und die Berufsbezeichnung Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann ebenfalls verleiht. Vorbehaltene Tätigkeiten nach § 4 PflBG, also Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs, Steuerung des Pflegeprozesses und Qualitätssicherung, dürfen ausschließlich von Personen mit dieser Berufsbezeichnung oder den gleichgestellten Alt-Berufsbezeichnungen übernommen werden.

Qualifikationsvergleich: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Wer eine koreanische Pflegefachkraft in Deutschland einsetzen möchte, sollte das Ausbildungsprofil realistisch einordnen. Eine Gegenüberstellung fasst die wichtigsten strukturellen Eckpunkte zusammen.

Kriterium Südkorea Deutschland
Ausbildungsdauer 3 oder 4 Jahre (zunehmend 4-jähriger BSN) 3 Jahre Vollzeit; hochschulische Pflegeausbildung (Bachelor) seit 2020 möglich
Abschluss Bachelor of Science in Nursing oder Diplom, ca. 130 ECTS Pflegefachfrau/Pflegefachmann, DQR-Niveau 4
Theorieanteil Hoch, forschungsnah Mind. 2.100 Stunden (PflAPrV)
Praxisstunden Mind. 1.000 Stunden (KABONE-Vorgabe) Mind. 2.500 Stunden (PflAPrV)
Akkreditierung KABONE, seit 2017 verpflichtend Landesbehörden nach PflBG, EU-weit automatisch anerkannt
Staatsprüfung KNLE, einmal jährlich Schriftlich, mündlich, praktisch am Ende der Ausbildung
Aufgabenprofil Medizinisch-technisch, Dokumentation, Überwachung; Grundpflege durch Angehörige Ganzheitliche Versorgung inkl. umfassender Grundpflege; vorbehaltene Tätigkeiten nach § 4 PflBG

Gemeinsamkeiten

Beide Systeme sehen eine drei- bis vierjährige formale Ausbildung mit staatlichem Abschluss vor und setzen eine staatliche Prüfung als Voraussetzung für die Berufszulassung voraus. Strukturierte Praktika unter Aufsicht klinisch qualifizierter Anleiterinnen gehören zum Pflichtprogramm, ebenso wie Kompetenzen in allen klassischen Versorgungsbereichen: innere Medizin, Chirurgie, Psychiatrie, Pädiatrie, Geriatrie, ambulante Pflege. Gesetzlich verankerte berufliche Kernaufgaben (Pflegeprozess, Assessment, Dokumentation) und ein anhaltender Akademisierungstrend runden das Bild ab. In Korea ist dieser Trend weiter fortgeschritten, in Deutschland seit 2020 institutionell verankert.

Unterschiede

Abweichungen gibt es in drei Dimensionen: Umfang der klinischen Praxis, Art des Aufgabenzuschnitts und berufliches Selbstverständnis.

Beim Praxisumfang gilt in Deutschland mindestens 2.500 Stunden, in Korea mindestens 1.000 Stunden. Dieser Unterschied ist der häufigste Grund für eine Ausgleichsmaßnahme im deutschen Anerkennungsverfahren.

Bei der Grundpflege liegt in Deutschland der zentrale pflegerische Schwerpunkt, in Korea wird sie typischerweise durch Angehörige geleistet. Dieser kulturell tief verankerte Unterschied muss im Onboarding aktiv thematisiert werden.

Zur Autonomie und zu den Befugnissen: Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) berichtete in seiner Umfrage „Pflege, wie geht es dir?“ 2025, dass 77 Prozent der in Deutschland arbeitenden, im Ausland ausgebildeten Pflegefachpersonen angeben, hier weniger Befugnisse zu haben als in ihrem Herkunftsland. Für koreanische Bachelor-Absolventinnen ist dieser Befund besonders relevant.

Der theoretisch-akademische Anteil ist in Korea traditionell höher und forschungsnäher als in der klassischen deutschen Krankenpflegeausbildung. Koreanische Pflegekräfte bringen häufig ein akademisches Selbstverständnis mit, das in der deutschen Kliniklandschaft kontextualisiert werden sollte.

Warum Südkorea heute wieder strategisch interessant ist

In der aktuellen Konstellation erinnert vieles an die Situation der 1960er Jahre, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. In Deutschland gibt es einen strukturellen Pflegemangel, in Südkorea einen Pool gut ausgebildeter Pflegefachkräfte. Verändert hat sich seither der innere Druck im koreanischen Gesundheitssystem selbst.

Der deutsche Engpass

Der BPA bezifferte im Mai 2025 die Zahl der im Anerkennungsverfahren festhängenden ausländischen Pflegekräfte auf rund 11.000. Etwa die Hälfte davon wäre aus Sicht der Verbandsbetreiber mittelfristig für die Altenpflege einsetzbar, die andere Hälfte für Krankenhäuser. Der DBfK nennt in der Befragung „Pflege, wie geht es dir?“ 2025 Anerkennungsdauer, Sprachhürden und fehlende Entwicklungsperspektiven als zentrale Bremsen der Fachkräftezuwanderung.

Koreas Pflege-Paradox

Während Deutschland Pflegekräfte sucht, produziert Südkorea mehr davon, als sein Gesundheitssystem aufnehmen kann, und verliert sie zugleich in großer Zahl.

Die Zahlenlage ist eindeutig:

  • Laut einer Analyse in Human Resources for Health (2024) waren 2020 rund 391.493 Pflegekräfte in Südkorea registriert. Davon arbeiteten nur 55,3 Prozent klinisch, weitere 17,5 Prozent in nicht-klinischen Bereichen und 27,2 Prozent waren trotz gültiger Lizenz gar nicht berufstätig.
  • Pflegekräfte in koreanischen Krankenhäusern betreuen durchschnittlich zwölf Patientinnen und Patienten pro Schicht, rund doppelt so viele wie in den USA oder den meisten europäischen Ländern (Cho et al. 2015/2016).
  • In mittelgroßen koreanischen Krankenhäusern arbeiten Pflegekräfte im Durchschnitt 46,6 Stunden pro Woche, rund zwölf Prozent mehr als 52 Stunden (Bae et al. 2018, Erhebung aus 2016). Neuere Studien aus dem Sixth Korean Working Conditions Survey (2024 veröffentlicht) bestätigen, dass etwa 30 Prozent der Pflegekräfte weiterhin mehr als 52 Stunden wöchentlich arbeiten.
  • Neu eingestellte Pflegekräfte verlassen ihre erste Stelle häufig schon im ersten Berufsjahr. Nach Untersuchungen der Korean Hospital Nurses Association (2017) lag die Quote zwischen 27,8 und 33,0 Prozent. Neuere Arbeiten berichten für die Jahre 2018/2019 Werte um 26,4 Prozent, teilweise sogar 45,5 Prozent. Der Kernbefund bleibt stabil: rund ein Viertel bis knapp die Hälfte der Berufsanfängerinnen verlässt die erste Stelle binnen zwölf Monaten.

Das Ergebnis dieser Zahlenkette ist eine Generation hoch qualifizierter koreanischer Pflegefachkräfte, die entweder gar nicht erst in den Beruf einsteigt oder nach kurzer Zeit aussteigt. Wissenschaftliche Studien zur Migrationsbereitschaft koreanischer Pflegestudierender belegen zudem eine steigende Offenheit für die Auswanderung.

Ethische Rahmenbedingungen der Anwerbung

Für deutsche Kliniken und Pflegeeinrichtungen entsteht daraus ein Zeitfenster. Aus der Kombination von hoher Qualifikation, strukturell instabilem koreanischen Arbeitsmarkt und einer positiv besetzten historischen Verbindung zu Deutschland ergibt sich für südkoreanische Pflegekräfte ein strategisch interessantes Profil. Aus ethischer Sicht ist eine Anwerbung aus Südkorea besser begründbar als aus klassischen Anwerbeländern mit eigenen Versorgungsengpässen, weil Südkorea selbst einen Überschuss an Ausbildungsplätzen und ein ausgeprägtes Retention-Problem hat. Der WHO-Verhaltenskodex für die internationale Anwerbung von Gesundheitsfachkräften lässt sich in diesem Rahmen plausibel einhalten.

Das deutsche Anerkennungsverfahren für koreanische Pflegekräfte

Krankenpflege ist in Deutschland ein reglementierter Beruf. Wer als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann in einer deutschen Einrichtung arbeiten möchte, muss ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Für koreanische Fachkräfte gelten die Regeln für Qualifikationen aus Drittstaaten.

Einheitlicher Referenzberuf seit 2025

Bis Ende 2024 erlaubten die Übergangsvorschriften nach § 66a PflBG den Bundesländern, Anerkennungsverfahren noch nach altem Krankenpflegegesetz oder Altenpflegegesetz zu führen. Seit 2025 ist der Referenzberuf bundesweit einheitlich: Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann. Das vereinfacht Verfahren, Urkundenlage und Arbeitgeberkommunikation erheblich.

Ablauf in vier Schritten

  1. Antragstellung bei der zuständigen Landesbehörde. Je nach Bundesland ist das etwa die Bezirksregierung (Nordrhein-Westfalen), das Hessische Landesamt für Gesundheit und Pflege oder das jeweilige Regierungspräsidium.
  2. Gleichwertigkeitsprüfung. Im zweiten Schritt vergleicht die Behörde die koreanische Ausbildung mit dem deutschen Referenzberuf. Prüfkriterien sind Inhalte, Dauer, Stundenumfang und gegebenenfalls zusätzliche Berufserfahrung.
  3. Feststellungsbescheid (auch Defizitbescheid genannt). Er weist aus, ob volle Gleichwertigkeit, teilweise Gleichwertigkeit mit Ausgleichsmaßnahmen oder fehlende Gleichwertigkeit festgestellt wurde.
  4. Ausgleichsmaßnahme bei festgestellten Defiziten. In der Praxis bedeutet das einen Anpassungslehrgang (praktisch-theoretische Zusatzausbildung in einer deutschen Einrichtung, meist sechs bis zwölf Monate) oder eine Kenntnisprüfung (staatliche Prüfung über die im Ausland nicht vermittelten Inhalte).

Typischer Befund bei koreanischen Abschlüssen

Aufgrund der hohen Praxisstundenanforderung der deutschen Ausbildung (2.500 Stunden) gegenüber dem koreanischen Mindestmaß (1.000 Stunden) ist eine volle Gleichwertigkeit bei koreanischen Bewerbungen eher die Ausnahme. Bundesweit erhalten nach Angaben aus der Praxis nur rund sieben Prozent aller Antragsteller aus Drittstaaten einen sofortigen Positivbescheid. Für koreanische Bewerberinnen ist daher typischerweise mit einer Ausgleichsmaßnahme zu rechnen.

In der Einsatzpraxis wird häufig die Kenntnisprüfung bevorzugt. Sie ist planbarer als ein Anpassungslehrgang, bietet hochschulisch ausgebildeten Bewerberinnen einen angemessenen Prüfungsrahmen und lässt sich für Arbeitgeber besser in die Einarbeitung integrieren.

Sprachnachweis

Für die Berufszulassung in der Pflege wird üblicherweise Deutsch auf Niveau B2 (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen) gefordert. In einigen Bundesländern, etwa Bayern, reicht B1 für bestimmte Einsatzformen. In der Praxis ist der Spracherwerb die mit Abstand häufigste Ursache für Verzögerungen im gesamten Anerkennungsprozess und zugleich der wichtigste Faktor für den langfristigen beruflichen Erfolg.

Verfahrensdauer und föderale Unterschiede

Je nach Bundesland, Vollständigkeit der Unterlagen und Wartezeiten auf Sprachnachweise oder Prüfungstermine kann das Gesamtverfahren bis zu zwei Jahre dauern. Eine gemeinsame Forderung von BPA und dem Verband der Ersatzkassen aus dem Jahr 2024, eine sogenannte Kompetenzvermutung einzuführen, also Pflegekräfte mit mindestens dreijähriger Ausbildung und Sprachnachweis sofort als Fachkräfte einzusetzen, ist politisch bislang nicht umgesetzt.

In den 16 Bundesländern werden die Verfahren in Teilen unterschiedlich durchgeführt, mit unterschiedlichen Behörden, teils unterschiedlichen Sprachanforderungen und teils unterschiedlichen Bearbeitungszeiten. Eine in einem Bundesland erteilte Anerkennung gilt bundesweit; bis zum Abschluss des Verfahrens kann sich die Wahl des Bundeslandes jedoch spürbar auf die Zeitplanung auswirken.

Integration: Erfolgsfaktoren in den ersten zwölf Monaten

Der formale Anerkennungspfad beschreibt nur die Hälfte des Rekrutierungserfolgs. Über die andere Hälfte entscheidet sich in den ersten zwölf Monaten am deutschen Arbeitsplatz. Drei Aspekte sind aus der bisherigen Erfahrung mit koreanischen und allgemein asiatischen Pflegekräften gut dokumentiert.

Fachsprache im Klinikalltag

Ein bestandener B2-Test attestiert allgemeines Leseverständnis und Kommunikationsfähigkeit, nicht aber Fachkompetenz in der Stationsübergabe oder im Arzt-Patienten-Gespräch. Strukturierte Sprach- und Fachbegleitung in den ersten sechs Monaten gilt nach allen vorliegenden Erfahrungsberichten als entscheidender Faktor für den Verbleib im Betrieb. Besonders bewährt haben sich Modelle, die Sprachcoaching mit pflegefachlichen Einheiten verbinden und gezielt die deutsche Pflegedokumentation einüben.

Unterschiedliches Pflegeverständnis

Zwischen dem technisch-medizinnahen koreanischen Pflegeverständnis und der ganzheitlichen deutschen Pflegepraxis besteht eine Spannung, die bereits die Generation der 1960er Jahre prägte und in modernisierter Form fortexistiert. Gefragt ist nicht einseitige Anpassung, sondern eine bewusste Thematisierung unterschiedlicher Rollenbilder im Onboarding. Kliniken, die dies aktiv ansprechen, etwa in interkulturellen Einführungsworkshops, durch deutsch-koreanische Patenschaften und durch klare Kommunikation darüber, was als Grundpflege in Deutschland zum Kernauftrag gehört, berichten von signifikant höheren Verbleibsquoten.

Soziale Anbindung in Deutschland

Koreanische Migranten in Deutschland sind gut organisiert. In Krefeld, Frankfurt, Essen, Berlin, Mainz, München und im Ruhrgebiet existieren aktive Vereine, darunter HanDo e.V. für die zweite Generation und Glückauf e.V. für die ehemaligen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Für neu ankommende Pflegefachkräfte ist der Kontakt zu diesen Netzwerken ein wichtiger Integrationsfaktor, kulturell, sozial und psychologisch.

Das 60. Jubiläum des Anwerbeabkommens für koreanische Bergarbeiter im Dezember 2023 rückte die deutsch-koreanische Arbeitsmigration erneut in die öffentliche Wahrnehmung. Das Koreanische Bergarbeiter- und Krankenschwestern-Museum in Essen und verschiedene Gedenkveranstaltungen haben die historische Verbindung institutionell sichtbar gemacht. Arbeitgeber, die diesen kulturellen Rahmen kennen und aktiv nutzen, können ihren koreanischen Pflegekräften eine spürbare Willkommensstruktur bieten.

TalentOrbit als Partner für internationales Pflege-Recruiting

Als Personalvermittlung mit Fokus auf den deutschen Gesundheitssektor begleitet TalentOrbit International GmbH Kliniken, Rehabilitationszentren und Altenpflegeeinrichtungen beim Aufbau internationaler Rekrutierungskanäle. Unsere Erfahrung liegt darin, den Weg von der Bewerbung im Herkunftsland bis zur beruflichen Anerkennung in Deutschland strukturiert zu begleiten und dabei realistische Erwartungen auf Arbeitgeberseite zu setzen.

Für Arbeitgeber, die den koreanischen Arbeitsmarkt explorieren möchten, bedeutet das konkret: eine ehrliche Einschätzung, wo in einem typischen Verfahren die sechs bis vierundzwanzig Monate bis zum vollen Einsatz entstehen, welche Anpassungsmaßnahme (Anpassungslehrgang oder Kenntnisprüfung) für welches Profil sinnvoller ist, und wie die ersten zwölf Monate am Arbeitsplatz so gestaltet werden, dass sich die Investition in Recruiting und Anerkennung langfristig auszahlt. Mehr dazu unter Unsere Leistungen oder im persönlichen Erstgespräch.

Fazit

Südkorea als Herkunftsland für Pflegefachkräfte ist weder neu noch ein Geheimtipp, aber in der aktuellen Konstellation strategisch interessanter, als es auf den ersten Blick wirkt. Die koreanische Pflegeausbildung ist akademisch anspruchsvoll, EU-kompatibel im Kompetenzaufbau und mit der deutschen generalistischen Pflegeausbildung strukturell gut vergleichbar. Abweichungen beim Anteil klinischer Praxisstunden und beim Rollenverständnis in der Grundpflege sind real, aber überschaubar und lassen sich in Anpassungsmaßnahmen und strukturiertem Onboarding systematisch adressieren.

Zugleich macht die Lage im koreanischen Gesundheitssystem eine ethisch tragfähige Anwerbung möglich. Südkorea verliert derzeit mehr Pflegefachkräfte durch Berufsausstieg und Auslandsmigration, als sein Arbeitsmarkt aufnehmen kann. Eine strukturierte Kooperation mit deutschen Kliniken, verbunden mit fairen Arbeitsbedingungen, professioneller Einarbeitung, ernsthafter Sprachbegleitung und einer realistischen Entwicklungsperspektive, lässt sich beiderseits gut begründen.

Für Kliniken, die heute ernsthaft über internationale Rekrutierung nachdenken, verbindet der Blick nach Südkorea fachliche Substanz, historische Tiefe und eine bestehende deutsch-koreanische Community, an die neue Pflegekräfte anknüpfen können.

Häufige Fragen zur Rekrutierung koreanischer Pflegekräfte

Welche Qualifikation bringen koreanische Pflegekräfte mit?

Koreanische Pflegekräfte durchlaufen eine drei- bis vierjährige staatlich anerkannte Ausbildung, zunehmend als vierjähriger Bachelor of Science in Nursing (BSN) an einer Universität. Alle Studiengänge werden durch KABONE akkreditiert und umfassen mindestens 1.000 Stunden klinische Praxis. Der Abschluss setzt eine bestandene staatliche Prüfung (KNLE) voraus.

Wird eine koreanische Pflegeausbildung in Deutschland anerkannt?

Ja, grundsätzlich. Da Südkorea ein Drittstaat ist, erfolgt die Anerkennung jedoch nicht automatisch, sondern in einem individuellen Gleichwertigkeitsverfahren bei der zuständigen Landesbehörde. In den meisten Fällen wird eine Ausgleichsmaßnahme (Anpassungslehrgang oder Kenntnisprüfung) verlangt, weil die deutsche Ausbildung mit 2.500 Praxisstunden mehr klinische Stunden enthält als das koreanische Mindestmaß von 1.000 Stunden.

Wie lange dauert das Anerkennungsverfahren?

Je nach Bundesland, Vollständigkeit der Unterlagen, Sprachstand und verfügbaren Prüfungsterminen dauert das Gesamtverfahren typischerweise sechs Monate bis zwei Jahre. Der Spracherwerb auf mindestens B2-Niveau ist in der Regel der zeitbestimmende Faktor.

Welches Sprachniveau ist erforderlich?

Für die volle Berufszulassung in der Pflege verlangen die meisten Bundesländer Deutsch auf Niveau B2 (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen). In einigen Bundesländern, etwa Bayern, reicht für bestimmte Einsatzformen auch B1. Fachsprachkompetenz im Klinikalltag übersteigt das formale B2-Niveau und sollte im ersten halben Jahr gezielt aufgebaut werden.

Sind koreanische Pflegekräfte mit der deutschen Arbeitsweise kompatibel?

Fachlich ja, kulturell mit bewusstem Onboarding. Größte praktische Hürde ist nicht die medizinisch-pflegerische Kompetenz, sondern das unterschiedliche Verständnis von Grundpflege. In Korea wird diese traditionell von Angehörigen geleistet, in Deutschland gehört sie zum pflegerischen Kernauftrag. Kliniken, die diesen Unterschied im Einführungsprogramm aktiv thematisieren, berichten von höheren Verbleibsquoten.

Ist die Anwerbung aus Südkorea ethisch vertretbar?

Südkorea gehört nicht zu den Ländern, die auf der WHO-Liste der kritisch unterversorgten Gesundheitssysteme stehen. Im Gegenteil: Das Land produziert pro Jahr etwa viermal so viele Pflegekräfte wie der OECD-Durchschnitt, während gleichzeitig über ein Viertel der lizenzierten Pflegekräfte nicht berufstätig ist. Eine Anwerbung aus Südkorea ist damit ethisch klarer begründbar als aus Ländern mit eigenen Versorgungsengpässen.

Was kostet die Rekrutierung einer koreanischen Pflegekraft?

Die Gesamtkosten setzen sich zusammen aus Vermittlung, Sprachausbildung, Visum und Aufenthaltserlaubnis, Flug und Ankunftsunterstützung, Anerkennungsgebühren sowie der Ausgleichsmaßnahme (Anpassungslehrgang oder Kenntnisprüfung). Die konkrete Höhe hängt vom gewählten Modell und Bundesland ab und wird im Einzelfall kalkuliert.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Pflegeberufegesetz (PflBG), in Kraft seit 1. Januar 2020; Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (PflAPrV).
  • Bundesministerium für Gesundheit: Informationen zum Pflegeberufegesetz.
  • KABONE (Korean Accreditation Board of Nursing Education): Nursing Education Certification Evaluation Criteria.
  • Korea Health Personnel Licensing Examination Institute (KHPLEI): Informationen zur KNLE.
  • Yu, J., Seo, J. (2024): Development support as education aid or labor trade? South Korean nurses in West Germany (1965–1976). Asia Europe Journal 22, S. 225–244.
  • Jung, Y.-S. (2018): Beyond the Bifurcated Myth. The Medical Migration of Female Korean Nurses to West Germany in the 1970s. Korean Journal of Medical History 27(2).
  • Heinrich-Böll-Stiftung (2014): Glückauf der Kyopos. 50 Jahre koreanische Arbeitsmigration in Deutschland.
  • ver.di publik (2016): Gekommen und geblieben. 50 Jahre Anwerbeabkommen für Pflegekräfte aus Südkorea.
  • Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK): Umfrage „Pflege, wie geht es dir?“ 2025.
  • Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA): Erhebung zum Anerkennungsstau, Mai 2025.
  • Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Internationalisierung der Pflege, Forschungsbericht 2024.
  • Human Resources for Health (2024): Forecast accuracy of demand for registered nurses and its determinants in South Korea.
  • Bae, S.-H., Hwang, S.-W., Lee, G. (2018): Work Hours, Overtime, and Break Time of Registered Nurses Working in Medium-Sized Korean Hospitals. Workplace Health & Safety 66(12).
  • Cho, E., Sloane, D.M., Kim, E.-Y. et al. (2015/2016): Effects of nurse staffing, work environments, and education on patient mortality. International Journal of Nursing Studies.
  • Korean Hospital Nurses Association (2017): Hospital Nurses Staffing State Survey.
  • OECD (2023): Health at a Glance 2023 – OECD Indicators.
  • WHO Regional Office for the Western Pacific (2015): Republic of Korea Health System Review.
  • WHO Global Code of Practice on the International Recruitment of Health Personnel.