Viele Bewerber wissen das. Und doch wird Sprache häufig als Unsicherheitsfaktor erlebt. Reicht mein Deutsch? Klingt mein Englisch professionell genug? Was, wenn ich etwas nicht sofort verstehe?
Dieser Beitrag setzt genau hier an. Er zeigt, wie Sprache im Recruiting tatsächlich bewertet wird, welche Erwartungen realistisch sind und wie Bewerber Sprache gezielt einsetzen können, ohne sich zu verstellen oder etwas vorzugeben, das sie nicht sind.
In Bewerbungsgesprächen geht es selten um Grammatik oder korrekte Zeiten. Sprache wird nicht geprüft wie in einer Prüfungssituation. Sie wird gelesen, gehört, interpretiert.
Recruiter achten darauf, wie jemand denkt, wie er Zusammenhänge erklärt, wie er mit Unsicherheit umgeht. Sprache ist dabei ein Signal für Struktur, Zuverlässigkeit und Kommunikationsfähigkeit.
Ein Kandidat, der ruhig erklärt, nachfragt, wenn etwas unklar ist, und seine Gedanken ordnet, wirkt souverän – auch mit kleinen sprachlichen Fehlern. Problematisch wird es eher dort, wo Sprache vermieden wird: ausweichende Antworten, sehr kurze Sätze, sichtbare Nervosität oder der Versuch, Unsicherheit zu überspielen.
Formulierungen wie „sehr gute Deutschkenntnisse“ oder „verhandlungssicheres Englisch“ klingen anspruchsvoll. In der Praxis stehen dahinter meist sehr konkrete Alltagssituationen.
Arbeitgeber erwarten, dass du:
An Gesprächen teilnehmen und folgen kannst
Deine Arbeit erklären kannst
Rückfragen verstehst und sinnvoll beantwortest
Informationen klar weitergibst
Es geht also nicht um sprachliche Eleganz, sondern um funktionierende Kommunikation im Arbeitsalltag. Wer verständlich kommuniziert, erfüllt bereits einen Großteil dieser Erwartung.
Ein weit verbreiteter Gedanke lautet:
„Mein Deutsch ist nicht perfekt, also bin ich noch nicht bereit.“
Diese Annahme hält der Realität kaum stand.
In vielen Unternehmen sind Teams international zusammengesetzt. Unterschiedliche Akzente, Niveaus und Ausdrucksweisen gehören längst zum Alltag. Was zählt, ist Verständlichkeit – und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Niemand erwartet fehlerfreie Sprache. Sehr wohl aber wird erwartet, dass jemand spricht, erklärt, nachfragt und sich einbringt. Sicherheit im Auftreten wiegt oft schwerer als sprachliche Korrektheit.
Ein häufiger Fehler besteht darin, Sprachanforderungen pauschal zu betrachten. Dabei macht das Umfeld einen entscheidenden Unterschied.
In vielen kleinen und mittleren Unternehmen ist Deutsch die Hauptsprache – in Meetings, E-Mails und im informellen Austausch. Englisch kann hilfreich sein, ersetzt Deutsch aber meist nicht.
Hier ist Englisch oft die Arbeitssprache. Deutsch wird geschätzt, ist aber nicht immer Voraussetzung, vor allem in technischen oder spezialisierten Rollen.
Wer diese Unterschiede kennt, kann seine Chancen realistischer einschätzen – und passende Stellen gezielter auswählen.
Skalen wie A1 bis C2 sind hilfreich, weil sie Vergleichbarkeit schaffen. Sie sind jedoch kein vollständiges Bild.
Ein B2-Niveau kann in einem vertrauten Fachkontext sehr souverän wirken. Umgekehrt kann ein formell hohes Niveau unsicher erscheinen, wenn die Praxiserfahrung fehlt.
Deshalb stellen erfahrene Recruiter weniger die Frage nach dem Niveau als nach der Anwendbarkeit. Sprache wird im Kontext bewertet – nicht isoliert.
Sprachliche Kompetenz zeigt sich nicht in einem Moment, sondern über das gesamte Gespräch hinweg.
Beachtet werden unter anderem:
Struktur der Antworten
Umgang mit Rückfragen
Fähigkeit, Inhalte neu zu formulieren
Reaktion auf unerwartete Themen
Wer ruhig bleibt, Pausen zulässt und Gedanken sortiert, hinterlässt oft einen sehr positiven Eindruck – unabhängig von kleinen Fehlern.
Der Lebenslauf ist ein Arbeitsinstrument, kein Marketingtext. Das gilt besonders für Sprachangaben.
Klare, standardisierte Angaben schaffen Vertrauen und vermeiden Missverständnisse – vor allem bei internationalen Bewerbungen.
Bewährt haben sich nüchterne Formulierungen wie:
Deutsch: B2 – sichere berufliche Kommunikation
Englisch: C1 – verhandlungssicher
Kreative Begriffe oder vage Aussagen wirken dagegen schnell unklar und laden zu kritischen Rückfragen ein.
Viele Bewerber übertreiben nicht aus Eitelkeit, sondern aus Druck. Sie wollen konkurrenzfähig sein.
Doch gerade bei Sprache fällt Übertreibung schnell auf. Und sie erzeugt ein Problem, das vermeidbar wäre: einen Vertrauensverlust.
Ehrliche Einordnung ist hier kein Risiko. Im Gegenteil. Wer offen kommuniziert, wo er steht und wo er sich weiterentwickeln möchte, wird häufig als reflektiert und lernfähig wahrgenommen.
Interviews sind Ausnahmesituationen. Nervosität, Zeitdruck und ungewohnte Gesprächspartner beeinflussen die Sprache – selbst bei Muttersprachlern.
Deshalb gilt:
Lieber langsam und klar als schnell und unsicher.
Es ist völlig legitim, nachzufragen oder einen Gedanken neu zu formulieren. Das zeigt nicht Schwäche, sondern Souveränität im Umgang mit Sprache.
Nicht jede Rolle stellt dieselben Anforderungen.
Berufseinsteiger müssen nicht perfekt kommunizieren, sondern lernfähig sein.
Erfahrene Fachkräfte sollten selbstständig erklären, abstimmen und dokumentieren können.
Führungskräfte nutzen Sprache aktiv: für Feedback, Entscheidungen und Konfliktklärung.
Diese Abstufung zu verstehen, hilft bei der eigenen Positionierung – und verhindert unrealistische Erwartungen.
Wer Sprache nur als Defizit sieht, übersieht ihr Potenzial. Sprachkompetenz ist ein langfristiger Karrierehebel. Sie wächst durch Anwendung, nicht durch Abwarten.
Gezielte Maßnahmen können viel bewirken:
Fachbezogene Sprachkurse
Regelmäßige Praxis im Arbeitsumfeld
Bewusstes Feedback
Sprache entwickelt sich schrittweise – aber zuverlässig, wenn sie genutzt wird.
In der Praxis sehen wir häufig sehr gute Profile, die unterschätzt werden – nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen Unsicherheit in der Kommunikation.
Deshalb behandeln wir Sprache nicht als Checkliste, sondern als Teil der beruflichen Identität. Wir helfen Bewerbern, ihre Sprachkenntnisse realistisch darzustellen und sicher einzusetzen, ohne künstliche Glätte.
Nicht beeindruckend klingen – sondern verlässlich.